Schon seit Stunden sitze ich in diesem verdammten Bus. In der Abgas
geschwängerten Luft, die mich umgibt, hängt zusätzlich ein penetranter
Geruch von getrocknetem Schweiß. Die Klimaanlage ist so hoch gedreht,
dass ich fröstelnd den Fleecepulli überziehen musste. Mein
Nachbar, dem die Fahrt nichts auszumachen scheint, nickt alle paar Minuten
ein, wobei sein Kopf in regelmäßigen Abständen auf meine
Schulter sackt. So sitze ich nun auf diesem unbequemen, durchgesessenen
Kunstledersitz und beobachte, wie draußen die Welt an mir vorbeirast.
Die Landschaft hier im Süden Chiles ist atemberaubend. Rechts
die mit Kakteen bewachsene rotbraune Halbwüste, und links schimmert
silbern der Pazifik in der Morgensonne. Die ganze Nacht bin ich nun
schon auf der Panamericana unterwegs. Dies ist nur eine von vielen
nicht enden wollenden Busfahrten auf meiner Reise durch Südamerika.
Es ist eine Qual, vorwärtszukommen, und ich fühle mich in dieser unerträglichen
Enge um jede einzelne Stunde meiner Reise betrogen. Hin
und wieder fährt der Bus durch ein Schlagloch, was mich für einen kurzen
Moment von meinem aufdringlichen Sitznachbarn befreit. Wie in
Trance habe ich den Blick stur auf die lang gezogene Gerade vor uns
gerichtet, als plötzlich wie aus dem Nichts zwei schwer bepackte Motorräder
den Bus überholen. Im Bruchteil einer Sekunde kann ich die
vielen Länderkennzeichen erkennen, die auf den Seitenkoffern der Maschinen
kleben. Ich bin nun hellwach. Mit einem Schlenker ziehen sie
am Bus vorbei und scheren vor uns wieder ein. Leicht hintereinander
versetzt, geht ihre Fahrt weiter, wobei das Röhren der Motoren immer
leiser wird. Der Anblick ist für mich der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer.
Noch nie zuvor, so stelle ich fest, habe ich jemanden so sehr
beneidet wie diese beiden Kradfahrer, in genau diesem Augenblick.
Was den Neid noch verstärkt – sie kommen aus Deutschland. Aus
Köln. Genau wie ich.
Der Moment ist wie eine Initialzündung. In Gedanken folge ich den
beiden Abenteurern auf meinem eigenen Motorrad. Weiter, immer weiter,
bis sie schließlich am Horizont hinter einer Kurve verschwinden.
Ich stelle mir vor, wie es wohl sein würde, nicht in dieser alten Rostlaube
gefangen zu sein, sondern überall an dieser traumhaften Küstenstraße
anhalten zu können.

Noch an jenem Tag leiste ich mir selbst einen Schwur – die nächste
große Reise wird mit dem Motorrad sein ...

Keine zwei Jahre später...