Schymkent, die südlichste Stadt des Landes, an der Grenze zu Usbekistan, blickt auf eine 800-jährige Geschichte zurück. Sie wurde einst von Händlern der Seidenstraße als Karawanserei gegründet. Hier wurden Waren umgeschlagen, Rast gemacht und die Kamele konnten sich den nötigen Wasservorrat für die Weiterreise ansaufen. Das geschäftige Treiben erwartet uns schon etliche Kilometer vor dem eigentlichen Zentrum der Stadt. Ein Hauch von Orient liegt in der Luft. Eine Mischung aus dem Duft exotischer Gewürze und Speisen aber auch der Gestank des Unrats, der sich an manchen Ecken in den Gossen stapelt, steigt in unsere Nasen. Der Blechlawine folgend bahnen wir uns auf breiten Alleen den Weg in die Innenstadt. Vorbei an grünen Parks und lebendigen Basaren.
Die Suche nach einer Bleibe gestaltet sich mit dem Motorrad, wie in jeder anderen Stadt, mal wieder als äußerst schwierig. Zwar ist das Angebot an Hotels recht groß, doch die überwiegende Mehrzahl der für unseren Geldbeutel in Frage kommenden Absteigen bietet entweder keine Unterstellmöglichkeit für unsere Zweiräder an, oder aber die Preise sind derart unverschämt, dass wir nur noch mit dem Kopf schütteln können. Man nehme den Charme einer Bahnhofsmission und mixe ihn mit den Preisen des Kempinski-Hotels – fertig ist das typische Hotel in einer ehemals sowjetischen Großstadt. Im Anschluss an eine Irrfahrt durch die Stadt, die mittlerweile schon dazugehört, werden wir dennoch fündig. Nachdem Alain den Zimmerpreis von 80 auf 30 Dollar runtergehandelt hat, stellen wir unsere staubigen Karren im Hinterhof des Hotels Ordabasy ab. Dank Murphys Gesetz sind die Zimmer, in die wir das ganze Gepäck schleppen müssen, wie immer im obersten Stockwerk gelegen und der Aufzug wird gerade repariert. Im Eingangsbereich, wo sich auch die ständig unbesetzte Rezeption befindet, flimmert in sagenhafter Lautstärke eine russische Seifenoper über den Hotelfernseher, der die langen Flure des Hauses mit Leben erfüllt. Wie in fast allen Hotels, die wir auf der bisherigen Reise betreten haben, lümmelt sich auch hier ein Schwung Nutten in der halbkreisförmigen Ledergarnitur rum. Es ist uns nicht entgangen, dass dem männlichen Gast bei der Suche nach käuflicher Liebe ein wenig unter die Arme gegriffen wird. Der erste Blick lässt jedoch selbst den Laien erkennen, dass die Damen wahrlich kein Gütesiegel tragen.
Wir werden offensichtlich missverstanden, als wir den Fehler machen, sie ohne irgendeinen Anflug eines Hintergedankens freundlich zu grüßen. Denn als wir schließlich unser Zimmer bezogen haben, erleben wir, wie die Gewerblerinnen mit äußerst hartnäckigen Methoden versuchen, ihren Verkehr zu regeln. In regelmäßigen Abständen klopft es an der Zimmertür und die Damen werden der Reihe nach vorstellig. Mit tiefem Dekolleté und Hüftbewegungen, als hätten sie Juckpulver im Schlüpfer, versuchen sie vergeblich uns gefügig zu machen. Kaum haben wir die ganze Mannschaft erfolgreich abgewimmelt, bimmelt auch schon das Telefon und eine rauchige Stimme haucht mir etwas ins Ohr, von dem ich nur „Massage“ und „Ficki-ficki“ verstehe. Die psychologische Vorgehensweise beginnt die gewünschte Wirkung zu zeigen. Wir ertappen uns beide dabei, zu denken: „Na ja, sooo schlecht sehen sie ja nun doch nicht aus.“ Nach vielen Wochen der Entbehrung und mit Alains schlimmen Füßen auf engstem Raum in einem Zelt, eine harte Probe. Obwohl wir uns wie zwei Cowboys vorkommen, die nach langen Tagen in der Prärie einen Saloon betreten, siegt die Disziplin gegen unsere verrücktspielenden Hormone. Anstatt uns zu vergnügen, teilen wir uns ein spartanisches Zimmer und verbringen die Nacht gemeinsam in einem durchgenudelten Doppelbett. Das Leben kann einem manchmal echt übel mitspielen.
Shimkent liegt nun hinter uns. Am Vortag hatten wir das lang ersehnte Vergnügen, unsere mitgeführten TKC 80 Stollenreifen auf die hinteren Felgen aufzuziehen. Nach bis dahin 9000 Kilometern waren die "Anakees" nicht mehr geeignet für schwere Geländeeinsätze und zeigten zunehmende Verschleißerscheinungen. Außerdem dachte ich es sei ratsam, sie noch mal aufzuziehen, wenn wir die etwa 2500km von Alma-Ata in Richtung Mongolei in Angriff nehmen, da uns berichtet wurde, die Strasse dort sei in einem annehmbaren Zustand. Obwohl ich diese Information stark bezweifle, da dieses Gebiet, auch bekannt unter dem Namen "Polygon", das ehemalige Nuklearwaffentestgebiet der Sowjets ist, in dem zwischen 1949 und 1989 468 atomare Sprengköpfe gezündet wurden und ein Fallout von 20.000 Hiroshima-Bomben darauf niederging.
Lagen die am Horizont andeutungsweise erkennbaren Berge bei unserer Ankunft in Shimkent noch in einem Dunstschleier, so erwartete uns dieser Morgen mit einem strahlend blauen Himmel und einer wunderbaren Fernsicht. Es versprach ein idealer Mopped-Fahrtag zu werden. Wenige Kilometer nachdem wir die stinkende Stadt verlassen hatten, fuhren wir auf eine Anhöhe zu und plötzlich lagen sie vor uns; die über 7000 Meter hohen Berge Zentralasiens.
Als erste Reaktion stieg mir ein gewaltiger Klos in den Hals und für Sekunden war ich wie gelähmt, unfähig zu jedweder Reaktion. Doch dann - Ich stelle mich auf die Fußrasten meiner Tenere, reiße den linken Arm mit geballter Faust in den angenehm kühlen Morgenwind und schreie so laut ich kann die gesamte Anspannung der letzten Wochen aus mir heraus: "Jaaaaaaaa!!!!! Jaaaaaa!!!!! Verdammte Scheiße, wir haben es wirklich geschafft!!!! Jaaa!!!! Rock’n’roll !!!!!!!!"
Ich muss mit den Tränen kämpfen und bin unendlich dankbar für diesen intensiven Moment. So sah mein Traum von dieser Tour aus! Voller Neid und Bewunderung habe ich im Vorfeld der Reise auf Fotos im Internet gestarrt, auf denen Reisende ihr Zelt vor dieser majestätischen Kulisse aufgebaut hatten. Jetzt bin ich am Ziel - Alles andere was jetzt noch kommt betrachte ich als Bonusprogramm.
Weiter Richtung Grenze. Die verbleibenden Kilometer, mit den stetig wachsenden Bergen vor Augen, vergehen wie im Flug. Der Grenzübertritt ist wieder von enormem Anekdotenwert! Nachdem den Grenzbeamten auf kasachischer Seite klar wird, dass wir aus Deutschland kommen, tritt ein noch sehr junger Mann in Tarnanzug und geschulterter MP vor mich und stellt sich als Chef der Zollabteilung vor. Er bittet mich sehr freundlich aber bestimmt, ihm hinter das Abfertigungsgebäude zu folgen. "Fuck", denke ich, diesmal geht nix ohne ein "Small Present". Doch er legt alle Dienstlichkeit von sich ab und geht mit mir zu seinem privaten PKW, einem dunkelblauen 5er BMW mit Heckspoiler und großflächigem Aufkleber "BMW Power", wie man ihn von den Kölner Ringen kennt. "Skolka in Germania", will er von mir wissen, "Wie viel ist mein Auto in Deutschland wert"? In der Annahme, ein Deutscher sei hier der richtige Ansprechpartner, gehe ich auf das Spiel ein und lasse ihn die Motorhaube der 13 Jahre alten Karre öffnen.
Mit gekonnten Griffen, wie ich sie in den Gebrauchtwagen-Dokus auf Pro7 gesehen habe, nehme ich mir den Wagen vor. Lackbeschaffenheit, Qualität der Sitzbezüge und Funktionstüchtigkeit der elektrischen Fensterheber sind dabei von äußerster Wichtigkeit. Nachdem ich noch einen kurzen, fachmännischen Blick unter den Wagen geworfen habe und der Kerl ein paar mal den Motor hat aufheulen lassen, nicke ich anerkennend. Ich lasse mir sein Mobiltelefon geben und gebe eine Zahl ein, die seine Gesichtszüge entgleisen lässt - 14.500 EURO!!!
Als ich jetzt noch seine Frage beantworte, wie weit es denn nach Deutschland sei, höre ich richtiggehend, wie sein Gehirn auf selten geforderte Volllast hochgefahren wird.
Wieder vor dem Gebäude angekommen, bricht ein durch ihn ausgelöstes Tohuwabohu aus. Ich grinse nur und die bei der Einreise so sorgsam erstellten Zolldokumente wandern unauffällig als Souvenir in meine Hosentasche - bis bald, Kasachstan!
Auf kirgisischer Seite sollten wir allerdings weniger Glück haben. Nach zähen Verhandlungen einigen wir uns mit den zähneknirschenden Beamten auf ein "Geschenk" in Höhe von stattlichen 3 Dollar. Mittlerweile machen die Grenzübertritte sogar richtig Spaß...:-)
Der übliche Schnickschnack im ersten Ort hinter der Grenze: Wasser und ein paar Snickers (kosten nur 20 Cent) kaufen, Sprit tanken und etwa 50 Dollar für die ersten Tage in die jeweilige Währung tauschen - In Kasachstan "Tenge" und in Kirgisistan "Som". Die erste Annäherung auf die bevorstehenden Pässe von bis zu 4300 Metern Höhe betrachte ich mit Sorge, da ich mit meinem Motorrad noch nie die 2600 Meter Marke Schweizer Pässe überschreiten konnte. Schon gar nicht mit einem Benzin, das offiziell einen Oktanwert von nur 76 hat und mit Sicherheit noch zusätzlich gestreckt ist.
Aber die Teneres kämpfen wacker und lassen uns mit nur minimalem Leistungsverlust den ersten Pass von 3330 Metern überwinden. Was für eine Aussicht! Was für ein Augenblick!! Obwohl wir gerade den ersten Pass überquert und schon eine respektable Höhe erreicht haben, scheinen wir in einem Talkessel zu fahren - so riesig sind die Berge die uns umgeben.
Da uns die erste Bekanntschaft mit den Bergen so gefangen genommen hat, entscheiden wir uns dafür, hier in den Bergen auf knapp 3100 Metern unser erstes Lager aufzuschlagen. In dieser Nacht war ich wirklich dankbar dafür, in letzter Minute noch den guten Daunenschlafsack von Yeti eingepackt zu haben und ich bemerke wie Alain zähneklappernd näher rückt.
Der nächste Tag ist Motorradfahren pur! Nach einem, nennen wir es mal "erfrischenden Bad" in einem Gletscherbach, geht die Reise weiter und wir nähern uns bei den vielen Geröllpässen langsam der 4000er Marke. Weiter durch enge Schluchten, Gebirgswälder und endlose Serpentinen. Wenn es irgendein Land auf der Erde gibt, wo Motorradfahren in all seinen Facetten ausgekostet werden kann, dann hier in Kirgisistan. Hinzu kommt, dass die Temperaturen nicht ganz so mörderisch sind wie im angrenzenden Kasachstan, sondern sich tagsüber stets im mittleren 20-Grad-Bereich bewegen. Als nächstes Ziel haben wir den Bergsee "Song Koel" angepeilt, der auf der "must-see-list" aller Reiseführer steht. Hier wollen wir in einem Yurten-Camp einen Tag Pause machen und die Motorräder gegen Pferde tauschen.
Auf dem Weg zu diesem See kommen wir durch ein Flusstal, in dem mir einige professionelle Zelte auffallen und bei näherem Hinsehen stechen auch einige Ural-Gespanne (alte russische Motorräder mit Beiwagen) ins Auge. Als auch diese Gruppe uns am Straßenrand stehend bemerkt, geben sie uns Handzeichen, uns doch zu ihnen dazuzugesellen. Mit Freude stellen wir fest, das die gesamte Gruppe Deutsch spricht (wenn man das von Schweizern behaupten kann...:-)) Aber auch ein Deutscher ist in der Gruppe, der sich diebisch freut, Landsleute zu treffen. Carlo, der Chef der Runde, der mit seiner Frau 8 Monate des Jahres einem bürgerlichen Beruf nachgeht, bietet in den verbleibenden 4 Monaten Motorradtouren in Kirgisistan, der Mongolei und Namibia an. Wir können bei ihnen pennen und müssen uns bis zum nächsten tag keine Gedanken über die Verpflegung machen, da die Gruppe sowohl Mechaniker als auch ein Küchen-Team im Schlepptau hat. An dieser Stelle noch mal vielen dank an die illustre Rund - es hat echt Spaß gemacht. Wer sich für solche Touren interessiert, sollte mal unter www.hannibal-tours.ch nachschauen. Auf mich hat das ganze einen super Eindruck gemacht.
So, muss noch ein paar Besorgungen machen und wollte mich noch ne Stunde aufs Ohr hauen. Bis denne
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